Von Parkour gibt es einen fliessenden Übergang in die Disziplin des Freerunning. Letzteres findet ebenfalls in urbaner Umgebung statt. Im Vordergrund steht aber der spielerische Umgang mit den Hindernissen, der akrobatisch oder auch eher tänzerisch sein kann.
Sicherheit geht vor
So oder so empfiehlt Schwarz, den Parkour-Unterricht in kleine Schritte zu unterteilen und die Schwierigkeit nur langsam zu steigern. Denn nebst allem Spass und der verführerischen Freiheit spielt die Sicherheit eine zentrale Rolle. Was auf kurzen Tiktok-Videos einfach aussieht, braucht in echt viel Können. Wichtig ist darum ein ausgeprägtes Risikobewusstsein, wie Rutz den Jugendlichen gegenüber stets betont. «Sie müssen sich bewusst sein, dass draussen keine Matten liegen und Mauern nicht aus Holz sind.»
Parkour findet dort statt, wo ursprünglich kein Turnen vorgesehen war. «Genau darin liegt der Reiz», findet Graber. Aber: Draussen ist der Boden härter, die Kanten sind schärfer und die Hindernisse anders. Ausserdem müssen Hindernisse auf Stabilität geprüft und Landeplätze im Vorfeld kontrolliert werden. «Draussen muss man Überforderung vermeiden, das Niveau etwas runterschrauben und nur Moves ausführen, die man gut beherrscht», sagt er. Das betonen Graber und Rutz bei den Sicherheitshinweisen auf ihrer Website.
Mit Kopf und Herz dabei
Zum physischen Training kommen auch soziale und mentale Aspekte. «Parkour ist auch eine Lebensschule», sagt Schwarz. Darum vermittelt sie mit der körperlichen jeweils von Anfang an auch eine mentale Haltung. Es brauche zudem Bescheidenheit, konkurrenzfreies Denken sowie Respekt gegenüber sich selbst und anderen. «Die Schülerinnen und Schüler müssen sich und das jeweilige Risiko gut einschätzen lernen», sagt sie. Bei Gruppenübungen müssen sie zudem füreinander da sein und sich gegenseitig vertrauen können.
Wegreden lässt sich nicht, dass Risiko zu Parkour gehört. Rutz sieht darin eine Chance: «Es ist wichtig, Neues zu wagen», sagt er. Zögerliche Schülerinnen und Schüler sollen aber nicht gedrängt, sondern in kleinen Schritten ermutigt werden. Zögern ist für Schwarz normal. Oft kriegt sie die Worte zu hören: «Ich kann das nicht.» Dann entgegnet sie: «Du kannst das noch nicht, aber du bist auf dem Weg dahin.»
«Die Jugendlichen lernen, dass es sich lohnt, dranzubleiben.»
Graber beobachtet in seinen Kursen, dass Mädchen tendenziell vorsichtiger sind als Jungs. Da er sie in kleinen Schritten an das Ziel führe, sei das aber kein Problem. «Sie haben dann eine grosse Freude, wenn ihnen etwas gelingt.»
Lust am Risiko
Im Parkour gibt es viele verschiedene Moves von einfach bis sehr komplex. Kleinere Mauern können schnurstracks mit einem einfachen Sprung, einem sogenannten Vault, überwunden werden. Im Unterricht kann man das am Schwedenkasten üben. Ein besonders toller Move ist der sogenannte Backflip, ein Rückwärtssalto. Er gelingt erst mit viel Übung. «Da lernen die Jugendlichen Geduld und dass es sich lohnt, dranzubleiben», sagt Graber.
Eine letzte, aber nicht unwesentliche Herausforderung beim Parkour sind Tiktok und andere Videoplattformen. Denn heutzutage braucht Parkour auch Medienkompetenz. Die Jugendlichen sollen nicht nur erkennen, dass die Moves im Video leichter aussehen, als sie sind. Hinter einem kurzen Video steckt viel Übung. Und sie müssen auch ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass nicht jedes Video im Netz landen darf oder muss.
Graber arbeitet in seinen Kursen durchaus mit Videos. Dabei macht er die Schülerinnen und Schüler aber auf ihr Recht am eigenen Bild aufmerksam. Er schärft ihnen ein, sich nur mit dem eigenen Handy filmen zu lassen. So behalten sie die Kontrolle über das Video. «Sie müssen das Recht am eigenen Bild kennen», so Graber. Abgesehen davon sind Videos sehr nützlich. Sie helfen, ein besseres Verständnis für die eigene Bewegung zu entwickeln und an dieser zu arbeiten. Wer sicher genug ist und Freude daran hat, kann dann auch seine Videos mit anderen teilen.