SPORT & SPIEL

Turnen wie Spiderman

Beim Parkour werden Geländer und Wände zu Turngeräten. Der Outdoorsport eignet sich bestens für den Sportunterricht.

Ein Junge nutzt ein Geländer als Turngerät. Seine Beine sind in der Luft.
Parkour-Begeisterte nutzen Stangen und Geländer als Sportgeräte. Foto: iStock / Goruppa

Beim Parkour-Sport wird der urbane Raum zur Turnhalle. Die sogenannten Traceurs und Traceuses springen über Gräben, klettern Mauern hoch oder balancieren auf Geländern. Die Kunst besteht darin, möglichst effizient von A nach B zu kommen. Die aus dem Französischen stammende Personenbezeichnung heisst frei übersetzt: Jene, die eine Linie ziehen. 

Es gibt dabei keine Hindernisse – nur Herausforderungen, die jede und jeder nach ihrem respektive seinem Gusto und individuellem Können bewältigen kann. Das sieht cool aus und eignet sich nicht zuletzt darum für spektakuläre Tiktok-Videos, auf denen die Kunststücke kinderleicht anmuten.

Sportlich verlangt die Disziplin allerdings Konzentration, Geschick und Körperbeherrschung wie im Geräteturnen, womit sie sich für den Turnunterricht mit Kindern und Jugendlichen qualifiziert. «Parkour begeistert Schülerinnen und Schüler mehr als klassisches Geräteturnen», sagt Lehrer und Parkour-Coach Martin Graber. «Der Sport ist modern, aktuell und ein Abbild ihrer Lebenswelt.»

Ohne Grundlagen kein Parkour

Parkour ist ein Outdoorsport, der die Fantasie fordert. So kann jeder Ort ein Parkour-Ort werden. Vorbereitung und Training braucht es dennoch. Martin Graber hat zusammen mit dem Lehrer und Sportwissenschaftler Alain Rutz die Plattform parkour-schule.ch aufgebaut. Dort haben sie Informationen, Ideen und Tipps zusammengetragen, wie man Parkour unterrichten kann. Der Unterricht beginnt für sie in der Turnhalle. 

Kleines Abc

Folgende Bewegungen kommen besonders häufig vor:

  • Climbs: Klettern wird im Parkour vielseitig praktiziert. Der Wall Climb geht direkt die Mauer hoch. Ein
    Underbar Climb hingegen nutzt vorhandene Stangen zum Erklimmen von Hindernissen.
  • Jumps: Sprünge sind oft der schnellste Weg über ein Hindernis. Je nach Situation stehen Präzision, Weite oder Höhe im Fokus. Was wichtig ist bei den jeweiligen Moves sagen schon die Namen: Precision, Cat Leap, Distance, Vertical oder Wall Jump.
  • Tic Tac: Ein Tic Tac hilft, Höhe zu gewinnen oder die Richtung zu ändern. Dabei stösst man sich mit dem Fuss von einer Wand oder einem Hindernis möglichst gegen oben ab.
  • Vaults: Hindernisse wie Mauern oder Geländer werden schwungvoll überwunden. Dabei stützt man sich mit den Händen ab und schwingt die Beine über das Hindernis. Beim Speed Vault läuft man seitlich auf das Hindernis zu, beim Kong oder Cat Vault eher frontal.
  • Cat Walk: Dieser Move ist eine Fortbewegungsart auf Händen und Füssen, auch bekannt als Vierfüssler. Der Cat Walk eignet sich für den Aufbau von Kraft und für enge Durchgänge

«Die Jugendlichen müssen zuerst die Grundlagen beherrschen», betont Rutz. Was also braucht es, um den Sportunterricht mit Parkour zu bereichern? Eigentlich nichts, beziehungsweise zumindest keine spezifische Ausrüstung. Im Gegenteil: Das Training in der Halle könne mit dem, was da ist, umgesetzt werden, so Graber. Als Hindernisse können Kasten, Bänkchen oder Reck eingesetzt werden. Im Gegensatz zum klassischen Turnen jedoch werden die Geräte freier verwendet. Der Rest sei Bewegungslehre, sagt Graber. «Wer Gerätturnen lehrt, kann auch Parkour unterrichten.»

Parkour eignet sich nicht nur wegen seiner Popularität für den Sportunterricht. Das Ganzkörpertraining erfordert Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Gleichgewicht. «Besonders wichtig ist zudem die sichere Landung», betont Rutz. Genau darum beginnt für ihn das Training drinnen. Dort lassen sich Bewegungsabläufe, Moves genannt, in einer kontrollierten Umgebung vermitteln.

Etwas für jedes Alter

Die Freiheit, die Parkour bietet, gilt auch für Anforderungen und Schwierigkeitsgrad. So kann Parkour, angepasst natürlich, schon im Kindergarten praktiziert werden. Die Parkour- und Kindergartenlehrerin Helene Schwarz ging auch schon mit ganz Kleinen raus. «Die Turnhalle war geschlossen, also gingen wir auf den Spielplatz», erzählt sie. Das habe gut funktioniert. «Die Kinder waren begeistert.»

«Kinder sind unglaublich kreativ im Überwinden von Hindernissen.»

Die Begeisterung beobachtet Schwarz auch bei Schülerinnen und Schülern der Primarstufe. «Kinder sind unglaublich kreativ beim Überwinden von Hindernissen», sagt sie. Unter anderem zentrale Übungen seien der Vierfüsslergang vorwärts sowie rückwärts, Balanceübungen und Präzisionssprünge. «Alle Elemente sind sehr komplex und darum eine gute Vorbereitung für den ganzen Körper.»

Nicht nur für Sportskanonen

Schwarz ist über 60 Jahre alt und nutzt jede Gelegenheit, um sich zu bewegen: «Ich hüpfe über Gräben und rutsche Treppengeländer runter.» Sie lebt ihre Überzeugung vor: Der Sport eigne sich für jedes Alter und auch für heterogene Klassen. Denn Parkour ist nicht nur etwas für Sportskanonen. «Parkour kann individuell nach den eigenen Möglichkeiten gestaltet werden», betont Schwarz. 

Man müsse nur effizient vorwärtskommen. Mehr sei nicht vorgegeben. So fänden alle persönliche Herausforderungen und einen individuellen Bewegungsstil. Im Unterricht nutzt Schwarz die Möglichkeit, bei den Hindernissen mit Varianten zu arbeiten. «Das ermöglicht allen ein Erfolgserlebnis im Rahmen ihrer Fähigkeiten.»

Von Parkour gibt es einen fliessenden Übergang in die Disziplin des Freerunning. Letzteres findet ebenfalls in urbaner Umgebung statt. Im Vordergrund steht aber der spielerische Umgang mit den Hindernissen, der akrobatisch oder auch eher tänzerisch sein kann.

Sicherheit geht vor

So oder so empfiehlt Schwarz, den Parkour-Unterricht in kleine Schritte zu unterteilen und die Schwierigkeit nur langsam zu steigern. Denn nebst allem Spass und der verführerischen Freiheit spielt die Sicherheit eine zentrale Rolle. Was auf kurzen Tiktok-Videos einfach aussieht, braucht in echt viel Können. Wichtig ist darum ein ausgeprägtes Risikobewusstsein, wie Rutz den Jugendlichen gegenüber stets betont. «Sie müssen sich bewusst sein, dass draussen keine Matten liegen und Mauern nicht aus Holz sind.»

Parkour findet dort statt, wo ursprünglich kein Turnen vorgesehen war. «Genau darin liegt der Reiz», findet Graber. Aber: Draussen ist der Boden härter, die Kanten sind schärfer und die Hindernisse anders. Ausserdem müssen Hindernisse auf Stabilität geprüft und Landeplätze im Vorfeld kontrolliert werden. «Draussen muss man Überforderung vermeiden, das Niveau etwas runterschrauben und nur Moves ausführen, die man gut beherrscht», sagt er. Das betonen Graber und Rutz bei den Sicherheitshinweisen auf ihrer Website.

Mit Kopf und Herz dabei

Zum physischen Training kommen auch soziale und mentale Aspekte. «Parkour ist auch eine Lebensschule», sagt Schwarz. Darum vermittelt sie mit der körperlichen jeweils von Anfang an auch eine mentale Haltung. Es brauche zudem Bescheidenheit, konkurrenzfreies Denken sowie Respekt gegenüber sich selbst und anderen. «Die Schülerinnen und Schüler müssen sich und das jeweilige Risiko gut einschätzen lernen», sagt sie. Bei Gruppenübungen müssen sie zudem füreinander da sein und sich gegenseitig vertrauen können.

Wegreden lässt sich nicht, dass Risiko zu Parkour gehört. Rutz sieht darin eine Chance: «Es ist wichtig, Neues zu wagen», sagt er. Zögerliche Schülerinnen und Schüler sollen aber nicht gedrängt, sondern in kleinen Schritten ermutigt werden. Zögern ist für Schwarz normal. Oft kriegt sie die Worte zu hören: «Ich kann das nicht.» Dann entgegnet sie: «Du kannst das noch nicht, aber du bist auf dem Weg dahin.» 

«Die Jugendlichen lernen, dass es sich lohnt, dranzubleiben.»

Graber beobachtet in seinen Kursen, dass Mädchen tendenziell vorsichtiger sind als Jungs. Da er sie in kleinen Schritten an das Ziel führe, sei das aber kein Problem. «Sie haben dann eine grosse Freude, wenn ihnen etwas gelingt.»

Lust am Risiko

Im Parkour gibt es viele verschiedene Moves von einfach bis sehr komplex. Kleinere Mauern können schnurstracks mit einem einfachen Sprung, einem sogenannten Vault, überwunden werden. Im Unterricht kann man das am Schwedenkasten üben. Ein besonders toller Move ist der sogenannte Backflip, ein Rückwärtssalto. Er gelingt erst mit viel Übung. «Da lernen die Jugendlichen Geduld und dass es sich lohnt, dranzubleiben», sagt Graber.

Eine letzte, aber nicht unwesentliche Herausforderung beim Parkour sind Tiktok und andere Videoplattformen. Denn heutzutage braucht Parkour auch Medienkompetenz. Die Jugendlichen sollen nicht nur erkennen, dass die Moves im Video leichter aussehen, als sie sind. Hinter einem kurzen Video steckt viel Übung. Und sie müssen auch ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass nicht jedes Video im Netz landen darf oder muss.

Graber arbeitet in seinen Kursen durchaus mit Videos. Dabei macht er die Schülerinnen und Schüler aber auf ihr Recht am eigenen Bild aufmerksam. Er schärft ihnen ein, sich nur mit dem eigenen Handy filmen zu lassen. So behalten sie die Kontrolle über das Video. «Sie müssen das Recht am eigenen Bild kennen», so Graber. Abgesehen davon sind Videos sehr nützlich. Sie helfen, ein besseres Verständnis für die eigene Bewegung zu entwickeln und an dieser zu arbeiten. Wer sicher genug ist und Freude daran hat, kann dann auch seine Videos mit anderen teilen.

Autor
Patricia Dickson

Datum

13.04.2026

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