Wer es schafft, an einem sonnigen Mittwochnachmittag im März 750 Personen an einen Vortrag im aargauischen Brugg zu locken, hat Starpotenzial. John Hattie gelingt dies mühelos. In Neuseeland aufgewachsen, ist der Bildungsforscher emeritierter Professor an der Universität Melbourne und eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Besonders wenn es um wirksames Lernen geht, ist die Stimme des heute 76-Jährigen nicht zu überhören. Vor Disharmonien schreckt er nicht zurück. Unbequeme Fragen liegen ihm. «Es geht nicht ums Unterrichten, sondern ums Lernen», stellt er auch in Brugg klar und wendet sich direkt an die Lehrpersonen: Er betont, dass Aussagen wie «Dieser Schüler lernt das nie» oder «Ich habe eine schwache Klasse» nicht zählen würden. «Fragt euch: Warum? – Und was ist euer Einfluss?»
Dass der grosse Hattie die kleine Schweiz beehrt, erfüllt den voll besetzten Saal an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Freude. Autogramme werden verlangt und Selfies gemacht. Über 2000 Bildungsinteressierte verfolgen seine Rede im Livestream. Ein sichtlich bewegter Pierre Tulowitzki, Professor für Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der pädagogischen Hochschule der FHNW, bringt die Stimmung in seiner Eröffnungsrede auf den Punkt: «Was für ein Traum!»
Hatties Mission: Schule zum bestmöglichen Lernort machen.
Gebannt hört der Saal den Ausführungen Hatties zu. Energisch macht dieser unmissverständlich klar: Der Mangel an repräsentativen Daten zum Lernen sei nicht das Problem, sondern deren Interpretation. Hatties Theorien basieren auf einem Universum aus Studien, Schulbesuchen, Statistiken und Analysen. Sein Buch «Visible Learning» zählt zu den Standardwerken der Lern- und Unterrichtsforschung. 2008 erstmals veröffentlicht, hat seine Kernbotschaft nicht an Aktualität verloren: Wie lernen Schülerinnen und Schüler am wirksamsten – und wie können Lehrpersonen diesen Prozess gezielt beeinflussen? Oder, wie Hattie es zugespitzt formuliert: «Legt den Fokus aufs Denken und Lernen. Fragt nicht, was, sondern warum.»
Keine Spur von Starallüren
Ein Bild davon, wie Kinder in der Schweiz lernen, macht sich Hattie höchstpersönlich und besucht ausgewählte Schulen. Eine davon ist die Schule Mellingen-Wohlenschwil im Kanton Aargau. Hier beschäftigt sich Monique Struck, Klassenlehrperson und pädagogische Schulleitung, seit über zehn Jahren mit Hatties Ansatz. Sie und ihr Team gehören zu einem Netzwerk von Schulen, die Lernen im Schulalltag konsequent sichtbar machen. Hattie persönlich kennenzulernen, war für sie ein Höhepunkt. «Unkompliziert stellte er sich als John vor, besuchte verschiedene Klassen, setzte sich zu den Lernenden und diskutierte mit den Lehrpersonen.» Starallüren sind Hattie fremd, Sprachhürden, Alters- oder Herkunftsbarrieren spielen keine Rolle. Hattie sucht den direkten Austausch auf Augenhöhe. Seine Mission: Schule zum bestmöglichen Lernort machen.
«Vielen Menschen aus akademischen Berufen fehlt der Dialog mit der Aussenwelt. Sie forschen und publizieren für andere Akademikerinnen und Akademiker. John ist anders», sagt Janet Clinton, Professorin für Bildung und Evaluation an derselben University in Melbourne wie Hattie. Zudem ist sie die Person, die ihn wohl am besten kennt. Seit 41 Jahren sind die beiden verheiratet, gemeinsam haben sie drei Söhne und sieben Enkelkinder.
«Auf der Bühne streiten wir weniger»
Auf der Bühne ergänzt Hattie seine Analysen mit Anekdoten aus dem Privatleben. Da ist seine Enkeltochter, die nach ihrem ersten Schultag nicht mehr zurück in die Schule wollte, oder sein Sohn, der in der Highschool die Vertiefungsrichtung Wasserpolo wählte anstelle von Chemie oder Physik. Der weltbekannte Forscher, der seine Karriere als Lehrer begann, wird für das Publikum für einen Moment zu «einem von uns». In Brugg stehen Hattie und Clinton kurz gemeinsam auf der Bühne. Der Unterschied zwischen Bühne und Zuhause? «Auf der Bühne streiten wir weniger», sagt Hattie lachend.

