John Hattie in der Schweiz

Lehrpersonen feiern ihren Star

Der Begründer des sichtbaren Lernens, John Hattie, zeigte beispielhaft auf, wie man die neuste Forschung aus der Pädagogik in die Klassenzimmer bringen kann. So erlebten Lehrpersonen seinen Besuch in der Schweiz.

Der Pädagoge John Hattie steht auf einer Bühne und referiert.
Spricht er, hört der ganze Saal zu: John Hattie zeigte bei seinen Referaten in der Schweiz, warum er als eine Koryphäe der Pädagogik gilt. Fotos: Christian Irgl/ PH FHNW

Wer es schafft, an einem sonnigen Mittwochnachmittag im März 750 Personen an einen Vortrag im aargauischen Brugg zu locken, hat Starpotenzial. John Hattie gelingt dies mühelos. In Neuseeland aufgewachsen, ist der Bildungsforscher emeritierter Professor an der Universität Melbourne und eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Besonders wenn es um wirksames Lernen geht, ist die Stimme des heute 76-Jährigen nicht zu überhören. Vor Disharmonien schreckt er nicht zurück. Unbequeme Fragen liegen ihm. «Es geht nicht ums Unterrichten, sondern ums Lernen», stellt er auch in Brugg klar und wendet sich direkt an die Lehrpersonen: Er betont, dass Aussagen wie «Dieser Schüler lernt das nie» oder «Ich habe eine schwache Klasse» nicht zählen würden. «Fragt euch: Warum? – Und was ist euer Einfluss?»

Dass der grosse Hattie die kleine Schweiz beehrt, erfüllt den voll besetzten Saal an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Freude. Autogramme werden verlangt und Selfies gemacht. Über 2000 Bildungsinteressierte verfolgen seine Rede im Livestream. Ein sichtlich bewegter Pierre Tulowitzki, Professor für Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der pädagogischen Hochschule der FHNW, bringt die Stimmung in seiner Eröffnungsrede auf den Punkt: «Was für ein Traum!»

Hatties Mission: Schule zum bestmöglichen Lernort machen.

Gebannt hört der Saal den Ausführungen Hatties zu. Energisch macht dieser unmissverständlich klar: Der Mangel an repräsentativen Daten zum Lernen sei nicht das Problem, sondern deren Interpretation. Hatties Theorien basieren auf einem Universum aus Studien, Schulbesuchen, Statistiken und Analysen. Sein Buch «Visible Learning» zählt zu den Standardwerken der Lern- und Unterrichtsforschung. 2008 erstmals veröffentlicht, hat seine Kernbotschaft nicht an Aktualität verloren: Wie lernen Schülerinnen und Schüler am wirksamsten – und wie können Lehrpersonen diesen Prozess gezielt beeinflussen? Oder, wie Hattie es zugespitzt formuliert: «Legt den Fokus aufs Denken und Lernen. Fragt nicht, was, sondern warum.»

Keine Spur von Starallüren

Ein Bild davon, wie Kinder in der Schweiz lernen, macht sich Hattie höchstpersönlich und besucht ausgewählte Schulen. Eine davon ist die Schule Mellingen-Wohlenschwil im Kanton Aargau. Hier beschäftigt sich Monique Struck, Klassenlehrperson und pädagogische Schulleitung, seit über zehn Jahren mit Hatties Ansatz. Sie und ihr Team gehören zu einem Netzwerk von Schulen, die Lernen im Schulalltag konsequent sichtbar machen. Hattie persönlich kennenzulernen, war für sie ein Höhepunkt. «Unkompliziert stellte er sich als John vor, besuchte verschiedene Klassen, setzte sich zu den Lernenden und diskutierte mit den Lehrpersonen.» Starallüren sind Hattie fremd, Sprachhürden, Alters- oder Herkunftsbarrieren spielen keine Rolle. Hattie sucht den direkten Austausch auf Augenhöhe. Seine Mission: Schule zum bestmöglichen Lernort machen.

«Vielen Menschen aus akademischen Berufen fehlt der Dialog mit der Aussenwelt. Sie forschen und publizieren für andere Akademikerinnen und Akademiker. John ist anders», sagt Janet Clinton, Professorin für Bildung und Evaluation an derselben University in Melbourne wie Hattie. Zudem ist sie die Person, die ihn wohl am besten kennt. Seit 41 Jahren sind die beiden verheiratet, gemeinsam haben sie drei Söhne und sieben Enkelkinder. 

«Auf der Bühne streiten wir weniger»

Auf der Bühne ergänzt Hattie seine Analysen mit Anekdoten aus dem Privatleben. Da ist seine Enkeltochter, die nach ihrem ersten Schultag nicht mehr zurück in die Schule wollte, oder sein Sohn, der in der Highschool die Vertiefungsrichtung Wasserpolo wählte anstelle von Chemie oder Physik. Der weltbekannte Forscher, der seine Karriere als Lehrer begann, wird für das Publikum für einen Moment zu «einem von uns». In Brugg stehen Hattie und Clinton kurz gemeinsam auf der Bühne. Der Unterschied zwischen Bühne und Zuhause? «Auf der Bühne streiten wir weniger», sagt Hattie lachend.

Dass Hattie überhaupt in die Schweiz kam, ist einer Allianz der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HFH), der pädagogischen Hochschule Zürich (PHZ) und der pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) zu verdanken. An Letzterer arbeitet Wolfgang Beywl als Dozent für Schul- und Unterrichtsevaluation. Er kennt Hattie seit Jahren, hat einen Teil seiner Bücher ins Deutsche übersetzt und den Besuch in der Schweiz koordiniert. «John beeindruckt mich durch seine Grosszügigkeit, was die Nutzung seines Wissens betrifft, aber auch durch die Gabe, das grosse Ganze im Blick zu haben.» Es sei schwer nachvollziehbar, was es bedeute, 450 Einflussfaktoren auf das schulische Lernen auch nur einigermassen im Kopf zu behalten.

Hoffen ist keine Strategie

Obwohl Hattie unter Lehrpersonen weltweit bekannt ist und seine Arbeiten grosse Resonanz auslösen: Seine Empfehlungen werden noch immer von vielen Schulen ignoriert. Hattie sagt dazu: «Eine der grossen Herausforderungen ist die Lehrpersonenautonomie.» Jede Lehrerin und jeder Lehrer unterrichte so, wie sie oder er es für richtig halte. «Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt oder Ihr Mechaniker würden genauso arbeiten und nur machen, was Ihnen gefällt.» Es sei eine Frage von Motivation, Bereitschaft und Kapazität, ob Lehrpersonen die Erkenntnisse der Forschung in ihrem Unterricht umsetzen – oder eben nicht. Neben der Autonomie der Lehrperson sei aber auch der fehlende Mut ein Problem. Es brauche Vertrauen, starke Schulleitungen, Leadership und einen kollektiven Effort.»

«Es braucht hohe Erwartungen an sich selbst und an die Kinder.»

Jörg Berger kennt diese Attribute. Er ist Co-Schulleiter an der Schule Knonau und Mitglied im Vorstand des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH). Für ihn ist Hatties Besuch ein Ansporn. «Hohe Erwartungen an die Schülerinnen und Schüler zu haben, nicht zu labeln, sondern überfachlich zu denken, zu kooperieren und damit bestmögliches Lernen zu ermöglichen. Genau so sollte Bildung funktionieren.»

Doch dafür braucht es fähige Pädagoginnen und Pädagogen, gerade in Zeiten von Lehrermangel und künstlicher Intelligenz. «Während eines Jahres von einer unfähigen Lehrperson unterrichtet zu werden, ist für ein Kind tragisch. Zwei Jahre sind verheerend», betont Hattie. Laien als Lehrpersonen einzusetzen, richte grossen Schaden an, ist er überzeugt. Janet Clinton ergänzt: «Wer meint, es reiche als Lehrperson, Kinder gern zu haben, irrt. Es braucht hohe Erwartungen an sich selbst und an die Kinder – und die Bereitschaft, den eigenen Unterricht zu hinterfragen.» Es gehe nicht darum, ob etwas funktioniere, sondern darum, was am besten wirke. 

Clinton bemerkt: «Warum gehen viele Schulkinder gerne in die erste oder zweite Klasse, während die Schule für viele Teenager zur quälenden Pflicht wird?» Hattie ergänzt, er wünsche sich, dass auch Zwölfjährige noch immer Neugier und Leidenschaft fürs Lernen haben. Genau dafür nutzt er seine Stimme: klar und unüberhörbar, um Dinge in Bewegung zu bringen – auch wenn er damit manchmal aneckt. 

John Hatties Metanalyse

Hatties Forschung basiert auf der Auswertung von mehr als 2000 Metaanalysen, also der systematischen Zusammenfassung vieler Einzelstudien, sowie umfangreicher Studiendaten von über 300 Millionen Schülerinnen und Schülern weltweit. Daraus leitet er 450 Faktoren ab, welche das Lernen besonders beeinflussen. Der grösste Hebel liegt bei der Lehrperson. Entscheidend sind zum Beispiel konkrete Lernziele und gezieltes Feedback. Auch eine positive Beziehung zwischen Lehrpersonen und den Schulkindern sowie hohe Erwartungen spielen eine wichtige Rolle. Die Plattform visiblelearning.com bietet Lehrerinnen und Lehrern einen einfachen Zugang zu John Hatties Forschungsresultaten. Sie zeigt übersichtlich, welche Faktoren das Lernen besonders wirksam beeinflussen. Die Faktoren lassen sich nach Kategorien filtern.

Autor
Christa Wüthrich

Datum

04.05.2026

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