Das Konzept stammt aus den USA. Inwiefern passt das in den Schweizer Schulunterricht?
Mit einigen Anpassungen eigentlich sehr gut. Oft wenden Lehrpersonen Aspekte davon schon an, wenn sie Konflikte lösen oder mit der Klasse demokratische Entscheidungen fällen. In den USA wird aber noch mehr frontal unterrichtet als bei uns.
Wie kann man sich Ihren Unterricht konkret vorstellen?
Wenn ich eine Klasse begleite, arbeite ich zum Beispiel im Fach Natur, Mensch und Gesellschaft (NMG) an den nachhaltigen Kompetenzen. Im See Learning sind das Fähigkeiten wie Selbstwahrnehmung, Beziehungsfähigkeit, Resilienz oder soziales Verhalten. Als Erstes bespreche ich mit der Klasse, welche Werte im Zusammenleben gelten sollten. Das geschieht ganz demokratisch. So schaffen wir, was ich ein mitfühlendes Klassenzimmer nenne. In einem zweiten Schritt geht es um Resilienz, also Selbstregulation. Das lässt sich gut mit dem Lernstoff zum Nervensystem verbinden.
«Achtsamkeit ist beliebt, wird aber zu beliebig verwendet.»
Ist das nicht sehr abstrakt?
Im Prinzip können schon die Kleinsten Sympathikus und Parasympathikus recht gut unterscheiden. Anregende Spiele können zum Beispiel den Sympathikus aktivieren. Wenn sie merken, wie ihr Herz plötzlich höherschlägt, lernen sie viel über Körperwahrnehmung, wie ihr Körper reagiert und welche Emotionen entstehen. Und sie lernen gleichzeitig, über ihre Gefühle zu sprechen. Eine gemeinsame Sprache hilft dabei.
Haben Sie da ein Beispiel?
Oft verwende ich das Bild des Schiffs. Das funktioniert mit einer einfachen Frage: In welchem Wasser ist dein Schiff gerade unterwegs? Wir teilen dabei die Zustände des Nervensystems in Zonen ein. Der Fiesling auf dem Pausenplatz war vielleicht wütend und sein Sympathikus überaktiviert. Dann kann er später sagen, dass er gerade in der Sturmzone war, und vielleicht auch erklären, warum.
Könnte man von Achtsamkeit sprechen?
Jein. Der Begriff kommt im See Learning gar nicht vor. Da arbeitet man eher mit der Aufmerksamkeit. Achtsamkeit ist in der Ratgeberliteratur zwar sehr beliebt, der Begriff wird aber sehr breit und zu beliebig verwendet.
Manche setzen sich für Glück als Schulfach ein. Wie stehen Sie dazu?
Ich nenne es manchmal so, weil See Learning für Schülerinnen und Schüler zu abstrakt klingt. Bei Glück geht es um das Wohlbefinden. Soziales, emotionales und ethisches Lernen ist umfangreicher.
Geht der Glücks-Unterricht nicht auf Kosten anderer Fächer?
Nein. Das Thema lässt sich zum Beispiel gut in den NMG-Unterricht integrieren. Überfachliche Kompetenzen wie Selbstreflexion oder Konfliktfähigkeit sind in allen Fächern wichtig. Der Lehrplan sieht deren Vermittlung ausdrücklich vor. Es reicht aber nicht, dies nebenbei zu tun. Man muss diese Fähigkeiten systematisch einüben.
Das braucht aber dennoch Zeit, die dann anderswo fehlt.
Ich finde, die effektive Lernzeit wird damit grösser, nicht kleiner. Ungelöste Konflikte behindern das Lernen. Und Konfliktpotenzial hat es im Schulalltag genug. Zum Beispiel in Form des Fieslings während der Pause. Aufgewühlte Kinder können sich im Unterricht dann nicht einfach wieder auf den Schulstoff konzentrieren. Konflikte gehen auf Kosten der Lernzeit.
Was raten Sie Lehrpersonen, die soziales Lernen in den Unterricht einfliessen lassen wollen?
Gemeinsam ausgearbeitete Verhaltensregeln sind ein wichtiger Schritt. Viele Lehrpersonen sind mit solchen Ansätzen auch vertraut. Wichtig ist, konsequent damit zu arbeiten. Ebenfalls hilfreich ist, eine gemeinsame Sprache für Gefühle und Körperempfindung zu entwickeln und diese auch im Team und mit den Eltern zu pflegen. Wenn eine solche Sprache etabliert ist, kann man am Anfang des Unterrichts die Stimmung in der Klasse ausmachen.
Was empfehlen Sie bei älteren Schülerinnen und Schülern?
Das Bild mit den Schiffen ist für sie zu kindlich. Begriffe wie die Sturmzone funktionieren trotzdem sehr gut. Auch der Vergleich mit dem Ladestand einer Batterie funktioniert. Jugendliche interessieren sich vielleicht mehr für die Biologie hinter den Gefühlen. Sturmzone ist Sympathikus, Windstille Parasympathikus und die Okay-Zone steht für Ausgeglichenheit. Es macht auch Spass, gemeinsam neue Begriffe oder Bilder zu kreieren. Für die Rückmelderunde am Schluss verwendet eine meiner Klassen Deluxe und Drama.
Müssten Erwachsene mehr Mitgefühl und Selbstreflexion vorleben?
Unbedingt. Wir haben da eine Vorbildfunktion. Das ist nicht immer leicht, insbesondere, wenn man die Autoritätsperson ist. Ich hatte aber auch schon schöne Reaktionen, wenn ich ehrlich war und erzählt habe, dass es gerade nicht mein Tag ist. Das Gefühl ist den Schülerinnen und Schülern ja vertraut.