Pädagogik

«Konflikte behindern das Lernen»

Barbara Jüsi bringt ihren Schülerinnen und Schülern Mitgefühl bei. Für sie ist das eine Voraussetzung für das Zusammenleben und das Lernen in der Schule.

Frau mit blauem Rollkragen-Pullover.
Barbara Jüsi nimmt sich Zeit, um Sozialkompetenzen zu vermitteln. Fotos: Marion Bernet

Auf dem Pausenplatz geht es manchmal ruppig zu und her. Wie viel Verständnis haben Sie für Fieslinge?

BARBARA JÜSI: Ein Kind, das gemein zu anderen ist, weise ich zunächst darauf hin, dass sein Verhalten nicht tolerierbar ist. Aber ich überlege auch, warum das Kind in dem Moment hässig oder fies war. Als Lehrerin kann ich auf fieses Verhalten besser reagieren, wenn ich den Kontext betrachte. Vielleicht hat das Kind etwas genervt oder es erlebt daheim eine schwierige Zeit. Ich frage dann, was passiert ist oder wie ich helfen kann.

Und was ist mit dem Kind, gegen das der Fiesling ausgeteilt hat?

Dieses braucht zunächst Mitgefühl gegenüber sich selbst. Es soll merken, dass eine Grenze überschritten wurde, und es soll sich fragen: Wie kann ich mir jetzt helfen? Idealerweise kennt es Strategien für die Selbstregulation. Vielleicht reicht es, zu sagen: «Du bist gemein, mach das nicht.» Oder es merkt, dass es von einer Lehrperson Hilfe braucht. Wenn diese Dinge geklärt sind, kann es in einem weiteren Schritt versuchen, Verständnis für die Situation des anderen zu entwickeln.

ZUR PERSON

Barbara Jüsi arbeitet als Heil- und Sozialpädagogin in Bern und in Spiez. Seit 2018 unterrichtet sie Mitgefühl nach dem Konzept von See Learning. Für den Verein see-learning.ch leitet sie zudem Kurse für Lehrpersonen. Derzeit absolviert sie zudem eine Ausbildung als Dozentin für Weiterbildungen an pädagogischen Hochschulen. Sie lebt in Bern.

Wie unterscheidet sich Mitgefühl von Empathie?

Empathie bedeutet, mit dem Gegenüber mitzuschwingen. Das geschieht ohne bewusste Entscheidung. Dabei spürt man, was andere spüren. Das steckt tief in uns Menschen drin. Unsere Empathie ist jedoch selektiv: Sie kostet viel Energie, und deshalb reagieren wir nicht bei allen Menschen gleich intensiv.

Klingt, als wäre Empathie eine Schwäche.

Im Gegenteil. Empathie ermöglicht mir, andere Perspektiven einzunehmen und eine Verbindung mit dem Gegenüber zu spüren. Das ist gut und normal. Es darf aber kein Dauerzustand sein, denn dann wäre ich am Ende des Tages total kaputt. Mitgefühl hingegen beschreibt einen Zustand wohlwollender Fürsorge, ohne dass ich die Belastung des Gegenübers selbst empfinden muss. Es aktiviert im Gehirn Netzwerke, die mit positiven Emotionen und Belohnung verbunden sind. Es ist also eher stärkend als erschöpfend.

«Unsere Gesellschaft braucht konfliktfähige Menschen.»

Sie sind Sozial- und Heilpädagogin und lehren, wie man Mitgefühl entwickelt. Was hat Sie dazu motiviert?

Das entstand aus eigenem Bedürfnis. Ich wollte mehr Abgrenzung und Selbstregulation lernen. Dabei fiel mir auf, wie zentral diese Kompetenzen für das Funktionieren unserer Gesellschaft und der Demokratie sind. Dazu braucht es konfliktfähige und mitfühlende Menschen.

Mitgefühl ist doch eine urmenschliche Eigenschaft. Haben wir Mitgefühl verlernt?

Ich würde nicht sagen, dass Mitgefühl früher verbreiteter war. Das wäre zu vereinfacht. Ich habe jedoch den Eindruck, dass heute ein grösseres Bewusstsein dafür besteht. Man weiss mehr über Mitgefühl und wie man es fördert. Das legt viel Potenzial frei. Ausserdem hat sich unsere Lebenswelt in den letzten Jahren stark verändert. Das fordert uns heraus.

Was hat sich verändert?

Früher fühlte sich die Welt kleiner an. Die Menschen im näheren Umfeld waren einem ähnlicher. Das machte es einfacher, sich in ihre Situation hineinzuversetzen. Heute leben wir in einer globalisierten Welt. Sie ist vielfältiger und schnelllebiger geworden. Das kann überfordern.

Sie arbeiten mit einem Konzept, das See Learning heisst. Worum geht es dabei?

See Learning ist ein umfangreiches System für soziales, emotionales und ethisches Lernen. Darum auch der Name.

Was überzeugt Sie am meisten?

Es basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Grundlagen. Wichtig ist auch, dass es im Gegensatz zu ähnlichen Ansätzen ein explizit säkulares Konzept ist. Nur so kann ich es auch bedenkenlos anwenden. In den Klassen kommt es auch sehr gut an. Mitgefühl ist ja etwas sehr Menschliches, ohne hätte sich unsere Spezies gar nicht so weit entwickeln können.

Das Konzept stammt aus den USA. Inwiefern passt das in den Schweizer Schulunterricht?

Mit einigen Anpassungen eigentlich sehr gut. Oft wenden Lehrpersonen Aspekte davon schon an, wenn sie Konflikte lösen oder mit der Klasse demokratische Entscheidungen fällen. In den USA wird aber noch mehr frontal unterrichtet als bei uns.

Wie kann man sich Ihren Unterricht konkret vorstellen?

Wenn ich eine Klasse begleite, arbeite ich zum Beispiel im Fach Natur, Mensch und Gesellschaft (NMG) an den nachhaltigen Kompetenzen. Im See Learning sind das Fähigkeiten wie Selbstwahrnehmung, Beziehungsfähigkeit, Resilienz oder soziales Verhalten. Als Erstes bespreche ich mit der Klasse, welche Werte im Zusammenleben gelten sollten. Das geschieht ganz demokratisch. So schaffen wir, was ich ein mitfühlendes Klassenzimmer nenne. In einem zweiten Schritt geht es um Resilienz, also Selbstregulation. Das lässt sich gut mit dem Lernstoff zum Nervensystem verbinden.

«Achtsamkeit ist beliebt, wird aber zu beliebig verwendet.»

Ist das nicht sehr abstrakt?

Im Prinzip können schon die Kleinsten Sympathikus und Parasympathikus recht gut unterscheiden. Anregende Spiele können zum Beispiel den Sympathikus aktivieren. Wenn sie merken, wie ihr Herz plötzlich höherschlägt, lernen sie viel über Körperwahrnehmung, wie ihr Körper reagiert und welche Emotionen entstehen. Und sie lernen gleichzeitig, über ihre Gefühle zu sprechen. Eine gemeinsame Sprache hilft dabei.

Haben Sie da ein Beispiel?

Oft verwende ich das Bild des Schiffs. Das funktioniert mit einer einfachen Frage: In welchem Wasser ist dein Schiff gerade unterwegs? Wir teilen dabei die Zustände des Nervensystems in Zonen ein. Der Fiesling auf dem Pausenplatz war vielleicht wütend und sein Sympathikus überaktiviert. Dann kann er später sagen, dass er gerade in der Sturmzone war, und vielleicht auch erklären, warum.

Könnte man von Achtsamkeit sprechen?

Jein. Der Begriff kommt im See Learning gar nicht vor. Da arbeitet man eher mit der Aufmerksamkeit. Achtsamkeit ist in der Ratgeberliteratur zwar sehr beliebt, der Begriff wird aber sehr breit und zu beliebig verwendet.

Manche setzen sich für Glück als Schulfach ein. Wie stehen Sie dazu?

Ich nenne es manchmal so, weil See Learning für Schülerinnen und Schüler zu abstrakt klingt. Bei Glück geht es um das Wohlbefinden. Soziales, emotionales und ethisches Lernen ist umfangreicher.

Geht der Glücks-Unterricht nicht auf Kosten anderer Fächer?

Nein. Das Thema lässt sich zum Beispiel gut in den NMG-Unterricht integrieren. Überfachliche Kompetenzen wie Selbstreflexion oder Konfliktfähigkeit sind in allen Fächern wichtig. Der Lehrplan sieht deren Vermittlung ausdrücklich vor. Es reicht aber nicht, dies nebenbei zu tun. Man muss diese Fähigkeiten systematisch einüben.

Das braucht aber dennoch Zeit, die dann anderswo fehlt.

Ich finde, die effektive Lernzeit wird damit grösser, nicht kleiner. Ungelöste Konflikte behindern das Lernen. Und Konfliktpotenzial hat es im Schulalltag genug. Zum Beispiel in Form des Fieslings während der Pause. Aufgewühlte Kinder können sich im Unterricht dann nicht einfach wieder auf den Schulstoff konzentrieren. Konflikte gehen auf Kosten der Lernzeit.

Was raten Sie Lehrpersonen, die soziales Lernen in den Unterricht einfliessen lassen wollen?

Gemeinsam ausgearbeitete Verhaltensregeln sind ein wichtiger Schritt. Viele Lehrpersonen sind mit solchen Ansätzen auch vertraut. Wichtig ist, konsequent damit zu arbeiten. Ebenfalls hilfreich ist, eine gemeinsame Sprache für Gefühle und Körperempfindung zu entwickeln und diese auch im Team und mit den Eltern zu pflegen. Wenn eine solche Sprache etabliert ist, kann man am Anfang des Unterrichts die Stimmung in der Klasse ausmachen.

Was empfehlen Sie bei älteren Schülerinnen und Schülern?

Das Bild mit den Schiffen ist für sie zu kindlich. Begriffe wie die Sturmzone funktionieren trotzdem sehr gut. Auch der Vergleich mit dem Ladestand einer Batterie funktioniert. Jugendliche interessieren sich vielleicht mehr für die Biologie hinter den Gefühlen. Sturmzone ist Sympathikus, Windstille Parasympathikus und die Okay-Zone steht für Ausgeglichenheit. Es macht auch Spass, gemeinsam neue Begriffe oder Bilder zu kreieren. Für die Rückmelderunde am Schluss verwendet eine meiner Klassen Deluxe und Drama.

Müssten Erwachsene mehr Mitgefühl und Selbstreflexion vorleben?

Unbedingt. Wir haben da eine Vorbildfunktion. Das ist nicht immer leicht, insbesondere, wenn man die Autoritätsperson ist. Ich hatte aber auch schon schöne Reaktionen, wenn ich ehrlich war und erzählt habe, dass es gerade nicht mein Tag ist. Das Gefühl ist den Schülerinnen und Schülern ja vertraut.

Autor
Patricia Dickson

Datum

12.05.2026

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