AUSSTELLUNG

Ich und die Masse – ein ambivalentes Verhältnis

Gegenwärtig macht im Museum für Kommunikation in Bern eine Ausstellung halt, die zur Auseinandersetzung mit Massenphänomenen und deren Nebenwirkungen einlädt.

In der Ausstellung wird das Verhältnis zwischen der einzelnen Person und der Masse erfahrbar. Foto: Museum für Kommunikation/digitale Massarbeit

Wie lässt sich eigentlich eine Menschenmenge auf einem Platz schätzen? Das interessiert zum Beispiel dann, wenn die Polizei und jene, die eine Kundgebung veranstalten, komplett andere Zahlen melden. Es gibt einen Trick. Den erfahren die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung «Massen – Foules – Crowds» im Museum für Kommunikation Bern gleich im zweiten Raum. Davor erhalten sie anschaulich präsentiert, ab wie vielen Menschen pro Quadratmeter es ungemütlich wird. Nachgereicht werden zehn Tipps, wie man sich in solchen Momenten verhalten kann.

Die Ausstellung beginnt zwar mit der Physik von Massen, beleuchtet dann aber weit mehr als das. Sie lotet menschliche Eigenschaften aus, wie sich beispielsweise Informationen oder Gerüchte verbreiten. Das regt im Zusammenhang mit historischen Bezügen zum Nachdenken an. Eine Ritualmordlegende führte im Mittelalter in Bern zu einem Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung. Jüngeren Datums sind die gesellschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie. Neu ist die digitale Verbreitung, die eine Botschaft rasch zum Massenphänomen ausweitet. Geschehen etwa bei #MeToo oder #BlackLivesMatter.

Informativ und sinnlich erfahrbar

An Schautafeln werden in zugänglichen Texten und mit Illustrationen Experimente geschildert. Einige lassen sich auch aktiv erleben und ausprobieren. Zu einem sinnlichen Erlebnis fordert ein Raum mit fünf Mikrofonen auf. Wer wagt ad hoc ein Quintett? Ein an die Wand projiziertes Video eines mäandernden Vogelschwarms lässt einen staunen, und man fragt sich, welche unsichtbare Kraft diese Masse steuert. Zum Abschluss hält die Ausstellung ein überraschendes Aha-Erlebnis bereit.

Eine Welt voller Individualistinnen und Individualisten bleibt eben in ihrer Gesamtheit doch eine Masse oder positiv betrachtet eine Gemeinschaft.

Spannend ist auch, wie das Verhältnis zwischen der einzelnen Person und der Masse thematisiert wird. Das Verhältnis ist zutiefst ambivalent: Wir wollen dazugehören, grenzen gleichzeitig andere aus und manchmal wird uns alles zu viel. Auf den Punkt bringt das eine Stele vor der Eingangstür des Museums, auf der in ein paar Metern Höhe der Schriftzug prangt: «Alles dreht sich um mich, aber ich bin nicht allein.» Eine Welt voller Individualistinnen und Individualisten bleibt eben in ihrer Gesamtheit doch eine Masse oder positiv betrachtet eine Gemeinschaft.

Bereits von über einer halben Million besucht

Die Ausstellung hält vor allem für die Oberstufe oder Mittelschulen interessanten Stoff bereit. Es lohnt sich, den Besuch vorzubereiten. Denn räumlich gesehen ist die Ausstellung nicht besonders gross. Wer bloss hindurcheilt, verpasst die Möglichkeit, sich mit einem Phänomen auseinanderzusetzen, das unsere Welt und im Besonderen unsere Gesellschaft stark prägt. Für jene, welche die Ausstellung mit ihrer Klasse ohne Vorbereitung besuchen wollen, bietet sich eine Führung an. Sie kostet für Schulklassen 200 Franken und dauert eine Stunde. Empfohlen wird eine frühzeitige Reservation und dass man danach eine halbe Stunde zum individuellen Entdecken der Ausstellung einplant.

Entwickelt wurde «Foules» vom französischen Technikmuseum «Cité de sciences et l’industrie» in Paris, wo die Ausstellung auch zuerst gezeigt wurde. Gemäss einer Mitteilung des Museums für Kommunikation haben sie dort und in Kanada bereits eine halbe Million Menschen gesehen. Für deren wissenschaftlich fundierten Boden hat das deutsche Max-Planck-Institut gesorgt, das in die Konzeption der Ausstellung involviert war. 

Infos zur Ausstellung

Das Museum für Kommunikation in Bern eignet sich auch für jüngere Kindern. «Massen – Foules – Crowds» dauert noch bis 19. Juli 2026. Die Dauerausstellung illustriert die Entwicklung der menschlichen Kommunikation. Zahlreiche interaktive, familiengerecht aufgearbeitete und spielerische Elemente machen Kommunikation aktiv erlebbar.

Mehr Informationen: mfk.ch

Autor
Christoph Aebischer

Datum

27.03.2026

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