LEBENSRAUM SCHULE

«Ich bin der Köbi für alle Fälle»

Er flickt Computer, führt ein Team und kann es auch mit Kindern und Jugendlichen gut. Seit 20 Jahren arbeitet Köbi Birrer in Willisau als Schulhauswart. BILDUNG SCHWEIZ hat ihn einen Morgen lang begleitet.

Köbi Birrer ist mit Leib und Seele Hauswart. Sein Job sei eine Berufung, sagt der 55-Jährige.

Sis Beschte gäh. Es steht in leuchtend roten Buchstaben über dem Eingang zu Köbi Birrers Büro. Doch was heisst schon Büro? Das ehemalige Schulzimmer ist IT-Lager, Werkstatt, Sitzungszimmer und Anlaufstelle für Defekte und Probleme aller Art. Es ist Köbi Birrers Zentrale, wo jeden Morgen um 6 Uhr sein Arbeitstag beginnt. «Dann habe ich meine Ruhe», sagt er. Um 6.50 Uhr folgt das «Morgen-Briefing» beim Kaffee mit seinem Mitarbeiter Pius Kunz. «Unsere 15 Minuten, bevor der Tag richtig losgeht.»

Durch das Fenster blickt man auf einen Naturgarten, den Köbi Birrer mit Schülerinnen und Schülern pflegt, auf seinem PC-Monitor lachen seine zwei Töchter und sein Sohn, und auf einer Magnetwand steht: «Theoretisch kann ich praktisch alles!» Hier in der Schulanlage Schlossfeld, schön gelegen über dem Luzerner Städtchen Willisau, geht ohne Köbi Birrer fast nichts. Er arbeitet seit 20 Jahren als Hauswart, ist für die IT verantwortlich, leitet das Reinigungsteam und ist Chef aller Hauswarte in Willisau. Der gelernte Mechaniker und Arbeitsagoge kann es mit Maschinen genauso wie mit Menschen. Das verdeutlicht dieser Donnerstagmorgen, an dem BILDUNG SCHWEIZ den 55-Jährigen begleitet.

Das Schwierige sofort erledigen

Das Klischee von der Welt, die auf dem Land noch in Ordnung ist, bestätigt sich. Auf dem Schulareal grüssen alle und halten Türen auf. «Der Umgang ist sehr wertschätzend. Da legen wir grossen Wert drauf», sagt Birrer. Seine Smartwatch blinkt regelmässig auf – für dringende Anfragen erreichen ihn Lehrpersonen via Whatsapp-Chat. Hier eine fehlende Handtuchrolle, dort ein PC-Problem. «Wir sind immer am Rumspringen. Das Schwierige machen wir sofort, das Unmögliche muss etwas warten», sagt er und lacht. Jetzt sind es zwei defekte Neonröhren, die in einem Schulzimmer ersetzt werden müssen. 

Neue Jahresserie: Lebensraum Schule

Die Schule ist mehr als nur Lernraum. Sie ist ein Lebensraum, der täglich von unterschiedlichen Menschen geprägt wird. Hier wird gearbeitet, gelernt und gefördert. Wie kann das Zusammenleben an einer Schule funktionieren? Wie finden die verschiedenen Bedürfnisse Gehör? Und was braucht es, um einen Lebensraum zu schaffen, in dem sich alle Beteiligten, von der Schülerin bis zum Schulleiter, wohlfühlen? In der neuen Jahresserie beleuchtet BILDUNG SCHWEIZ verschiedene Aspekte des «Lebensraums Schule» – von der Architektur bis zur Zukunft des Lernens.

«Einkauf, Unterhalt, Reparaturen – wir machen so viel wie möglich selbst», sagt Birrer. Dazu gehört, dass er immer über die Schulter blickt, wenn Techniker im Haus sind. Als kürzlich eine neue Heizungspumpe eingebaut wurde, hat Birrer die Arbeit mit einem Handyvideo dokumentiert. Jetzt kann er die Anlage selbst unterhalten und steuern. Auch die IT-Kenntnisse hat er sich selbst angeeignet. «Ich habe nie einen PC-Kurs besucht, heute nehme ich Computer sogar auseinander.»

In der Pause ist Köbi Birrer präsent

9.30 Uhr, grosse Pause, Köbi Birrer ist draussen unterwegs. Zu seinem «Revier» gehören Schülerinnen und Schüler der Mittel- und Oberstufe. «Geht’s euch gut?», fragt er eine Gruppe Jugendlicher und bleibt für einen Schwatz stehen. «Was strahlt ihr so?», sagt er zu einer Gruppe Mädchen. Sie lachen. 

«Oft reicht es, einen Schüler oder eine Schülerin aus dem Rudel zu nehmen oder auf die Schulter zu klopfen»

Birrer schwärmt von den Jugendlichen und kennt einzelne «Lusbuebe». Wenn er Probleme sehe, greife er ein. «Oft reicht es, einen Schüler oder eine Schülerin aus dem Rudel zu nehmen oder auf die Schulter zu klopfen», sagt er. Laut zu werden, ist nicht sein Ding. Wenn’s trotzdem mal eine Strafe braucht, etwa wegen Schwänzen oder Vandalismus, müssen sie an einem Mittwochnachmittag bei Birrer mit anpacken.

Er spaziert über das weitläufige Gelände mit vielen verwinkelten Betonbauten – vor einem unscheinbaren Gebäude bleibt er stehen: «Hier wohne ich.» Kann man sich so von der Arbeit abgrenzen? Anfangs sei er auch abends oder am Wochenende regelmässig kontaktiert worden. Das habe sich gebessert. «Nach 18 Uhr werde ich in der Regel nicht mehr gestört.» Für mehr Abstand zur Schule schätzt er seinen Wohnwagen, mit dem die Familie an Wochenenden oder in den Ferien wegfährt.

Mehr IT als Hauswart

Nach der grossen Pause gibt’s Kaffee in seinem Büro. Auf dem Tisch eine Dose mit Willisauer Ringli. Wie nennt er seine Aufgabe? Hauswart? Facility-Manager? Gute Seele? «Mir kann man alles sagen, auch Abwart, ich definiere mich nicht über einen Titel. Auf der Schulanlage bin ich einfach der Köbi, der Köbi für alle Fälle.» Die Aufgabe erfülle ihn und mache ihm Spass. Er ist stolz auf seinen Beruf. Dieser hat nichts mehr mit dem Klischee-Hauswart von früher zu tun, der die Schulhausgänge regierte. «Die Anforderungen sind heute höher. Wenn ich einfach der Böse oder der Strenge wäre, würde das nicht funktionieren.» 

Die augenfälligste Veränderung: Allein die IT fülle heute sein Pensum fast vollständig. Er ist für 1300 PCs zuständig, muss technisch à jour sein und verwaltet Budgets. «Dieser Teil nimmt zu. Eine gute IT ist Voraussetzung für gute Lehrpersonen», sagt er. Dazu kommen die Geräte der Schülerinnen und Schüler. Auch sie laufen hier mit Laptops unter dem Arm durch die Gänge.

In der Person von Köbi Birrer vereinen sich technisches Know-how und pädagogisches Wissen auf beeindruckende Weise. So hat er an einer höheren Fachschule Arbeitsagogik studiert und lange für die Stiftung Brändi gearbeitet und bringt Erfahrung in der Arbeitsintegration mit. An der Schule konnten Jugendliche, die keine Lehrstelle fanden, bei Birrer ein Praktikum machen. «Ich habe bisher jeder und jedem eine Stelle vermittelt», sagt er. Inzwischen fehlt ihm dazu die Zeit. Nun hat er im Rahmen einer Arbeitsintegration einen dritten Mitarbeiter im Team. Dieser ist 100 Prozent anwesend, muss aber nur 60 Prozent leisten. Er kann sich mehr Zeit nehmen, hat eigene Zuständigkeiten und Kompetenzen, muss aber eng begleitet werden.

Aufgaben sprengen sein Pensum

«Ich schätze diese Bandbreite extrem. Man könnte es als Belastung anschauen, aber ich mach’s einfach gern», sagt Birrer. Doch er gibt zu, dass seine Aufgaben das Pensum eigentlich sprengen. Aber durch seine Erfahrung sei er effizient und er habe viel Unterstützung durch Team und Schulleitung. «Es gibt Berufe, die sind eine Berufung – das ist beim Hauswart auch so. Ich mache das mit Leidenschaft. Die Arbeit mit jungen Menschen hält jung und man bleibt flexibel.» 

Der moderne Hauswart als Allrounder

Thomas Minder, Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter, über technische und menschliche Qualifikationen im Facility-Management.

Was früher der strenge Hausmeister im blauen Arbeitsgewand war, der auf den Gängen für Ruhe und Ordnung sorgte, ist heute ein «Allrounder im Gebäudemanagement», wie es in einem Ausbildungsprogramm zum Fachmann respektive zur Fachfrau Betriebsunterhalt heisst. Die moderne Hauswartin vereint verschiedenste Berufe und sowohl technische wie menschliche Aspekte. Das Beispiel von Köbi Birrer zeigt, dass die Anforderungen an diesen Beruf gestiegen sind. Das stellt auch Thomas Minder fest, Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter. «Nebst handwerklichem Geschick sind vermehrt planerische und noch mehr IT-Kenntnisse gefragt.»

Im Bereich Facility gehe der Trend hin zu technischen Lösungen zur Steuerung, Überwachung und Wartung von Anlagen auf dem Schulgelände. Sinn für Ordnung, Sauberkeit und Reparaturen reicht nicht (mehr). «Wer in einer Schule arbeitet, muss wissen, dass das Facility-Management zusätzlich eine menschliche, pädagogische Komponente hat. Ein Hauswart, eine Hauswartin kann nicht wegsehen, wenn zwei Kinder aufeinander losgehen. Oft ist man auch Ansprechperson und in einzelnen Fällen sogar Vertrauensperson», sagt Minder. Früher war die Rolle eher durch Respekt, vielleicht sogar Angst geprägt. Gibt’s das heute noch? «Wahrscheinlich schon», so Minder. Das habe auch mit der Persönlichkeit des Hauswarts zu tun.

Das Facility Management wird von Hausverwaltungen in Wohnhäusern oder Büros oft an externe Firmen vergeben. «An einer Schule erachte ich es als schwierig, solche Schnittstellen sorgen für Irritationen», sagt Minder. In Städten sei der Hausdienst teilweise einem anderen Departement angegliedert als die Schule. «Da kann es sein, dass der Hausdienst nicht im Sinne der Schule arbeitet. Ich kenne solche Fälle», sagt er. Der Fokus würde dann auf der effizienten Hauswartung liegen und die Abläufe einer Schule sowie die Pädagogik würden dadurch weniger berücksichtigt. Dennoch kann die Schule innerhalb einer Gemeinde von weiteren Mitarbeitenden im Facility-Management profitieren, etwa wenn gleiche Maschinen und Geräte verwendet würden. «Da lohnen sich finanzielle Überlegungen.»

Wie nimmt Köbi Birrer die Jungen von heute wahr? Stimmen die oft gehörten, eher negativen Vorurteile? «Ich hatte gehofft, dass diese Frage kommt», sagt er. Weil er das anders sieht – optimistischer. «Wir haben sehr viele tolle junge Menschen», sagt Birrer und wiederholt den Satz mehrfach. «Wir verlangen von den Jugendlichen heute so viel, sie müssen früher selbstständig sein, Verantwortung übernehmen, eine eigene Meinung haben.» 

«Es hat eine andere Wirkung, wenn ich die Jugendlichen auf ihr Verhalten anspreche.»

Eine Minderheit mache gelegentlich Probleme und bekomme viel Beachtung. Auch früher hätten Junge «Chabis gmacht». Er mag es, wenn ihm Jugendliche widersprechen oder entgegenhalten. «Aber immer mit Anstand und ohne frech zu werden», sagt er. Erst wenn sie absichtlich etwas kaputt machen, «lüpft’s mir den Hut».

Als Hauswart hat er einen anderen Bezug zu Jugendlichen als Lehrpersonen. «Ich will kein Messias sein. Aber es hat eine andere Wirkung, wenn ich sie auf ihr Verhalten anspreche. Oft reicht schon ein Blick.» Und es gibt Situationen, da kann nur er die richtige Hilfe bieten. «Ich habe auch schon Zahnspangen im Mund geflickt», sagt er, der Köbi für alle Fälle. 

Autor
Jonas Wydler

Datum

07.04.2026

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