Baumwipfelpfad Neckertal

Auf Safari durch das Blätterdach

Auf dem Baumwipfelpfad Neckertal lässt sich der Wald aus ungewohnter Perspektive neu entdecken. Der geführte Rundgang ist ein Erlebnis für alle Sinne und erst noch lehrreich.

Kinder gehen auf einem Baumwipfelpfad.
In luftiger Höhe: In Neckertal (SG) bietet ein Lehrpfad schöne Ausblicke. Fotos: Roger Wehrli

Das hügelige, saftig grüne Neckertal wäre auch ohne Baumwipfelpfad eine Schulreise wert. Die weitläufige Landschaft lädt zum Wandern, Entdecken und Bräteln ein. Die Wälder beherbergen eine Vielzahl verschiedener Pflanzen und Tiere. Mit etwas Glück begegnen einem hier nicht nur Rehe und Füchse, sondern auch Dachse und Steinadler. Sogar der scheue Luchs ist in dieser Voralpenlandschaft wieder heimisch geworden.

Fachkundige Wipfelrangerin

Der sich auf hölzernen Stützen durch die Baumkronen schlängelnde Baumwipfelpfad ist zweifelsohne die Attraktion in Mogelsberg (SG). Der Weg ist 500 Meter lang, zwei bis vier Meter breit und – der Topografie wegen – zwischen vier und fünfzehn Meter hoch. An einer Stelle des Rundgangs wurde eine grosszügige Aussichtsplattform erstellt. An deren Ende geht der Blick 45 Meter in die Tiefe. Wer nicht schwindelfrei ist, schaut – statt direkt nach unten – über die Baumkronen hinweg ins weite Land hinaus.

Über 40 interaktive Lern- und Erlebnisstationen geben Einblick in Flora und Fauna des Waldes. Von den zahlreichen Posten befindet sich aber nur ein Teil in luftiger Höhe, denn der Rundgang beginnt im Erdgeschoss des Waldes. Dort empfängt Sabine Gantner eine aus Rorschach angereiste fünfte Klasse zum einstündigen Rundgang.

Sabine Gantner ist eine von mehreren «Wipfelrangern», also eine Fachperson, die den Wald in- und auswendig kennt. Ihr grosses Fachwissen und die begeisternde Art, dieses zu vermitteln, macht die Buben und Mädchen von Beginn weg neugierig.

Der erste Gegenstand, den Sabine Gantner auf dem Parcours präsentiert, ist weder eine Pflanze noch ein Tier, sondern eine eiserne Schraube von ungefähr einem Meter Länge. «Was denkt ihr, wozu brauchen wir Schrauben dieser Grösse?», fragt Gantner die Kinder. Niemand kann es sich erklären, darum sagt sie: «Diese Schrauben stecken hier überall im Boden und geben den Stützen des Baumwipfelpfads den nötigen Halt.» Natürlich darf jedes Kind die Schraube einmal kurz in die Höhe stemmen.

Sabine Gantner wendet sich derweil dem Erdreich zu. Es handelt sich bloss um einen kleinen Klumpen Erde, den sie vom Waldboden aufhebt. Den staunenden Kindern weiss sie zu berichten, dass dieses Häufchen Erde von ungefähr neun Milliarden Lebewesen bewohnt wird. Kein Wunder wachsen an einem Ort wie diesem die Bäume hoch in den Himmel. Aber welche von ihnen sind wohl die Ältesten?

Seit 500 Jahren an Ort und Stelle

Die Kinder bekommen die Aufgabe, sich die verschiedenen Bäume genau anzuschauen und sich unter den ihrer Meinung nach ältesten Baum zu stellen. Die meisten entscheiden sich natürlich für die hohe Tanne oder die dicke Buche. Aber niemand hat Augen für die magere, zierliche Eibe. «Dabei», weiss Sabine Gantner, «steht dieser unscheinbare Baum schon seit 500 Jahren an seinem Platz.» Über die Eibe weiss die Fachfrau noch Weiteres zu berichten. «Diese Bäume sieht man oft in Gärten oder auf Spielplätzen. Das verstehe ich überhaupt nicht, denn sowohl die roten Beeren wie auch die Nadeln der Eibe sind für Mensch und Tier giftig. Pferde können daran gar sterben.»

Nützliche Informationen

Der Eintritt zum Baumwipfelpfad ist für Kinder ab sechs Jahren kostenpflichtig. Ohne Führung beträgt er 4.80 Franken, für Begleitpersonen 10.40 Franken. Mit Führung kostet der Eintritt für Kinder ab sechs Jahren 8.80 Franken, für Erwachsene 14.40 Franken. Führungen müssen vorab reserviert werden. Im Sommerhalbjahr ist der Park täglich von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet. Von Ende Oktober bis Ende März ist er Montag und Dienstag geschlossen. Die Anreise ist mit der S2 und S4 (St. Gallen bis Wattwil) möglich. Die Bahn hält in Mogelsberg auf Verlangen. Vom Bahnhof führt ein mit Erlebnisstationen versehener Waldweg in zirka 30 Minuten hinauf zum Baumwipfelpfad. Brätelstellen mit Holz sind vorhanden. Mehr Informationen: baumwipfelpfad.ch

Barrierefreier Rundgang

Nach dieser kurzen Einführung geht es nun endlich hinauf ins Blätterdach. Dieses erreicht man entweder über eine zehnstufige Treppe oder per Lift. Sowohl Eltern mit Kleinkindern als auch Menschen im Rollstuhl haben uneingeschränkten Zutritt zum Pfad. Um ihnen den Besuch im Baumwipfelpfad zu erleichtern, gibt es direkt neben dem Eingang eine beschränkte Anzahl von Parkplätzen. Ist man auf deren Nutzung angewiesen, empfiehlt es sich, vorher anzurufen. Die Parkverantwortlichen stellen in diesen Fällen eine Parkkarte aus. Ebenfalls beim Eingang zum Park befindet sich eine behindertengerechte Toilette.

Ist die Höhe der Baumkronen erreicht, überkommt so manchen der Besuchenden ein Gefühl von Leichtigkeit. Wie gerne würde man wie das Eichhörnchen oder der Baummarder von Baum zu Baum springen. Leuten mit Höhenangst vermittelt dagegen die stabile Bauweise des Baumwipfelpfads Sicherheit: Die monumentalen Schrauben im Boden verhindern, dass das Bauwerk schwankt oder erzittert. Der Bretterboden ist rollstuhltauglich verlegt; es gibt keine Spalten, durch die man in den Abgrund schauen müsste.

Die Lern- und Erlebnisstationen, denen man auf dem Weg durchs Blätterdach begegnet, möchten nicht nur das Hirn, sondern alle Sinne ansprechen. Manchmal muss man ganz genau hinhören, etwas schmecken oder berühren. Die Blätter der Ulme beispielsweise haben eine sehr raue Oberfläche, die einen beim Darüberstreichen an die Zunge einer Katze erinnert. Die Härchen, die man spürt, sind laut Sabine Gantner dafür da, Schmutz aus der Luft zu filtern.

Felle und Hörner zum Anfassen

Ein nicht leicht zu lösendes Rätsel für die Kinder folgt an anderer Stelle: Nebeneinander aufgereiht und mit geschlossenen Augen bekommen sie einen seltsamen Gegenstand in die Hände gereicht, den sie nach eingehendem Befühlen an das nächste Kind weitergeben. Die meisten erraten, dass sie das Geweih eines Rehs in den Händen halten. Ganz anders fühlt sich das stark gekrümmte und spitz zulaufende Horn der Gämse an, welches die Kinder nun zum Vergleich befühlen dürfen.

Auch sehr unterschiedlich fühlen sich die Felle von Füchsen und Dachsen an. Manche Jungs und Mädchen haben anfangs leichte Berührungsängste, während andere das Fell wie eine Mütze über den Kopf ziehen und sich damit fotografieren lassen. Fuchs und Dachs leben nahe beieinander. Das hat vor allem damit zu tun, dass der Dachs ein viel besserer Höhlenbauer ist. Der Fuchs zieht, falls er keinen verlassenen Dachsbau findet, sozusagen als Untermieter ein.

Bräteln und spielen

Am Ende des einstündigen Rundgangs ist es, als ob man eine grosse Safari durch den heimischen Wald gemacht hätte. So viel gab es auf den etwas mehr als fünfhundert Metern zu entdecken und zu erfahren. Wem die vielen spannenden Informationen vor Ort noch nicht genügen, dem sei die Website des Baumwipfelpfads empfohlen. Dort informieren Forstarbeitende monatlich, was im Wald aktuell los ist. Im Monat Juli war da Erstaunliches über Zecken zu lesen. Zum Beispiel, dass die Tiere nach einer üppigen Mahlzeit das 100- bis 200-Fache ihres Körpergewichts erreichen, umgekehrt aber zehn Jahre lang ohne Nahrung auskommen können. Die Tierchen werden auch als nützlich für die Natur beschrieben. Nicht zuletzt dienen sie zahlreichen Vögeln als willkommener Snack.

Auf dem Rundgang durchs Blätterdach haben auch die Fünftklässler aus Romanshorn einen gesunden Appetit entwickelt. Mehrere Brätelstellen und von Sonnenschirmen geschützte Tische und Bänke laden dazu ein, sich dem leiblichen Wohl zuzuwenden.

Vielleicht bleibt nachher noch etwas Zeit, um sich an den Spielelementen des Waldspielplatzes zu versuchen. Hier bietet sich nochmals ein eindrucksvoller Blick auf die Konstruktion des Baumwipfelpfads. 

Autor
Roger Wehrli

Datum

16.03.2026

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