NEURODIVERSITÄT

«Diese Konflikte binden oft viele Ressourcen»

Sprachliche Missverständnisse befeuern Konflikte zwischen autistischen und neurotypischen Menschen. Mediatorin Regine Fankhauser weiss, was helfen kann. Denn sie ist selbst Autistin.

lächenlnde Frau in Hoodie-Pullover
Regine Fankhauser ist selbst autistisch und versteht deshalb gut, wie Missverständnisse entstehen können. Foto: ZVG

Sie sind Autistin. Die Diagnose haben Sie erst spät erhalten. Wie kam es dazu?

REGINE FANKHAUSER: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als Autismus noch vorwiegend als männliches Phänomen galt. Zwar fiel meinem Umfeld auf, dass ich kaum Blickkontakt herstellte, mich lieber mit Tieren als mit Menschen befasste, auf gewisse Sinnesreize anders als andere reagierte und Aussagen meist wörtlich verstand. Doch weder Lehrpersonen noch medizinische Fachpersonen vermuteten, dass ich autistisch sein könnte. Ich war schon immer sehr wissbegierig, ging gerne zur Schule, studierte Biologie und bilde mich auch heute laufend weiter. Beruflich lief es jedoch alles andere als geradlinig, und ich habe mehrere Stellen auf unschöne Art und Weise verloren. Eine solche Krise führte vor ein paar Jahren dazu, dass ich mich auf Autismus abklären liess. Die Diagnose war für mich eine grosse Erleichterung. Viele Puzzleteile meines Lebens haben plötzlich den richtigen Ort gefunden.

Nun bieten Sie Mediation bei Konflikten an, in die autistische und neurotypische Menschen involviert sind. Wie unterscheiden sich solche Konflikte von anderen?

Neurotypische und autistische Menschen unterscheiden sich unter anderem in Kommunikation, Sozialverhalten, Wahrnehmung und Reizverarbeitung. Neuere Forschung zeigt, dass autistische und neurotypische Menschen Schwierigkeiten in der Kommunikation miteinander haben. Auch fällt es ihnen oft schwer, die Perspektive des jeweils anderen einzunehmen.

Zur Person

Regine Fankhauser ist Mediatorin, Beraterin und Coachmit Schwerpunkt Autismus und Neurodivergenz. Sie hält Vorträge zum Thema und gibt Kurse in Kommunikation und effektiver Teamzusammenarbeit.

In welchen Situationen kommt es typischerweise zu Auseinandersetzungen und weshalb braucht es dafür Mediation?

Überall dort, wo Menschen miteinander zu tun haben, kann es zu Konflikten kommen. Dabei ist es für die Beteiligten schwierig, sich gegenseitig wirklich zuzuhören. Wenn dann noch unterschiedliches Sprachverständnis und Sozialverhalten hinzukommen, kann dies den Konflikt zusätzlich befeuern. Ab einer gewissen Eskalationsstufe ist es praktisch unmöglich, einen Konflikt ohne Unterstützung von aussen beizulegen. In einer Mediation ergründen die Konfliktparteien mit Unterstützung einer Mediationsperson die Interessen und Bedürfnisse, welche hinter ihren scheinbar unverrückbaren Positionen liegen. Das kann das gegenseitige Verständnis und die Suche nach gemeinsamen Lösungen ermöglichen.

«Für autistische Kinder ist der Schulalltag eine enorme Reizüberflutung.»

Sie haben für eine Arbeit über das Thema 33 Personen befragt. Was erzählten Ihnen diese Menschen?

Laut den Fachpersonen ist Mediation für autistische Menschen sehr gut geeignet. Insbesondere die klare Struktur, die kreative Lösungssuche sowie eine wertschätzende Begleitung durch eine allparteiliche Mediationsperson sei sehr Autismus-freundlich. Es sei aber wichtig, dass die Mediationsperson über Wissen zu Autismus verfüge, um die Mediation barrierefrei zu gestalten. Insbesondere empfehlen sie den Einsatz einer Unterstützungsperson, die als Dolmetscherin zwischen der autistischen und neurotypischen Welt fungiert.

Einen Schwerpunkt setzten Sie auf Konflikte in Schulen. Was gilt es dabei für Lehrpersonen zu beachten?

Für autistische Kinder ist der Schulalltag eine enorme Reizüberflutung. Auch die sozialen Regeln der neurotypischen Umwelt sind für sie meist nicht intuitiv zugänglich. Ausserdem gibt es in den Klassen meist mehrere Schulkinder mit besonderen Bedürfnissen. Ihnen allen gerecht zu werden, ist sehr anspruchsvoll. Konflikte, in denen autistische Schulkinder beteiligt sind, ziehen oft weite Kreise und binden viele Ressourcen. Nach meiner Beobachtung wollen alle Beteiligten das Beste für das Kind, sind sich im Konfliktfall aber nicht über das Wie einig. Dank Mediation oder mediativem Handeln können die Beteiligten auch in solchen Konflikten einen gemeinsamen Weg finden.

Autor
(red)

Datum

25.02.2026

Themen