Eben plapperte das Kleinkind noch zufrieden vor sich hin, doch kaum steht man vor der Kita, dem Kindergarten oder der Tagesfamilie, kippt die Stimmung: Das Kind klammert sich an Mami oder Papi, die Tränen fliessen und die Schreie werden schrill. Abschiednehmen sei für kleine Kinder oft deshalb eine Herausforderung, weil sie noch kein Zeitgefühl hätten, sagt Julia Baur, Programmverantwortliche Ostschweiz bei der Stiftung Pro Juventute. «Eine Trennung fühlt sich somit an wie eine Ewigkeit.» BILDUNG SCHWEIZ hat nachgefragt, was helfen kann, um den Trennungsschmerz für alle Beteiligten erträglicher zu gestalten.
1. Vorfreude wecken
Schon beim Frühstück von den geplanten Aktivitäten in der Kita zu sprechen, schafft einen positiven Anker für den Nachwuchs. Das Kind kann so die Zeit im Hort oder im Kindergarten mit einem positiven Ereignis verknüpfen, und der bevorstehende Abschied rückt etwas in den Hintergrund.
2. Ritualisierte und kurze Abschiede
Ein kleines Abschiedsritual – ein Spruch oder Reim, ein Kleidungsstück der Eltern zum Mitnehmen oder ein Mut-Talisman für die Hosentasche – signalisiert dem Kind Stabilität und schafft Struktur im Alltag. Baur rät dazu: «Bleiben Sie bei der Übergabe in der Kita oder im Kindergarten nicht zu lange und zögern Sie den Abschied nicht unnötig hinaus.» Abschiede fallen meist leichter, wenn sie nicht ewig dauern.
3. Spielend üben
Sich morgens von den Eltern zu verabschieden, sei gewissermassen eine Miniübung für das Leben, sagt Baur. «Zu Trennungen und Abschieden kann es im Leben immer wieder kommen.» Das Kind sollte deshalb gezielt und altersgerecht auf das Abschiednehmen vorbereitet werden. «Es kann auch helfen, das Abschiednehmen morgens vor der Kita im Rollenspiel mit einer Puppe oder einem Lieblingsplüschtier zu üben.»
4. Sich Zeit nehmen
Die Zeit ist morgens jeweils knapp, denn es gilt einiges zu erledigen und dabei rechtzeitig bei der Arbeit einzutreffen. Und dennoch: Das Kind in die Kita zu bringen und richtig zu verabschieden, sollte nicht unter Stress geschehen. Es lohnt sich also, dafür genügend «Puffer» einzuplanen und gegebenenfalls früher aufzubrechen.
«Emotionale Sicherheit ist ein ganz wichtiger Faktor für Kinder.»
5. Perspektivenwechsel
Es hilft, sich die Perspektive des Kindes bewusst zu machen. «In seiner Wahrnehmung kann sich eine Trennung von den Eltern manchmal anfühlen wie eine Ewigkeit», sagt Julia Baur. Man kann versuchen, dem Kind zu erklären, dass man es abends um 17 Uhr wieder abholen komme. Wichtiger sei es jedoch, Sicherheit zu vermitteln. «Sagen Sie Ihrem Kind, dass es sich auf Sie verlassen kann, dass Sie es wieder abholen kommen», so Baur.
6. Positiv bleiben
Sicherheit wird dem Kind aber auch vermittelt, wenn es sieht, dass die Eltern positiv bleiben und Zuversicht ausstrahlen. «Sind die Eltern selbst gestresst und unsicher, wenn sie ihr Kind in die Kita bringen, überträgt sich dieses Gefühl schnell.» Auch Eltern dürften Gefühle zeigen, aber das Kind sollte spüren, dass sie ihm die Zeit in der Kita zutrauen.
7. Gefühle ernst nehmen
Abschied kann wehtun. Und auch wenn die Trennung nur von kurzer Dauer sein wird, ist das Ereignis des Getrenntseins für das Kind eine prägende Erfahrung. «Emotionale Sicherheit ist ein ganz wichtiger Faktor für Kinder», weiss Baur. Zeigen Eltern Verständnis und respektieren die Gefühle ihres Kindes, stärke dies die Bindung nachhaltig. «Diese Bindung ist die Voraussetzung, damit Kinder sich lösen können. Vermeiden Sie daher beispielsweise Vergleiche mit anderen Kindern, denen der Abschied leichter fällt.»
8. Kooperation
Die Zusammenarbeit von Pädagoginnen und Pädagogen mit den Eltern ist wichtig. Eltern können sich selbst Sicherheit geben, indem sie mit den Kitaverantwortlichen oder den Kindergärtnerinnen ein kleines Check-in vereinbaren. «Wenn man im Zweifel anrufen kann und sich rückversichert, dass alles okay ist, bleibt man ruhiger», weiss die Expertin.
9. Vertrautheit schaffen
Es kann helfen, das Kind gleichzeitig mit einem Kita-Gspänli in den Hort zu bringen, so ist es beim Abschied in vertrauter Gesellschaft. «Das gemeinsame Ankommen kann den Übergang für die Kinder erleichtern und gibt den Betreuerinnen und Betreuern zudem die Möglichkeit, die Kleinen direkt ins Spiel reinzuholen», so Baur.
10. Dialog suchen
Wenn ein Kind beim Abschied plötzlich Mühe hat, obwohl es vorher immer gern in den Hort oder den Kindergarten ging, sollten die Erziehungsberechtigten oder die Betreuungspersonen das Gespräch suchen. «Gemeinsam kann das Problem gelöst werden.» Vielleicht gab es Streit mit dem Kita-Freund oder etwas anderes ist vorgefallen? Letztlich hat jedes Kind sein eigenes Tempo und auch «Rückfälle», insbesondere nach Ferien oder Krankheit, sind normal.
